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Biologische Multimedia-Show

Unter Synästhesie versteht man bei manchen Menschen auftretende Phänomen, dass ein auf einem Sinneskanal eingehender Reiz zu unwillkürlich auftretenden Sinneseindrücken auf einem weiteren Kanal führt.

Ich selbst erfahren hauptsächlich zwei Formen der Synästhesie, nämlich Graphem-Farb-Synästhesie (d. h. ich sehe Buchstaben und Ziffern farbig, wenn ich an ein Wort oder eine Zahl denke) und auditiv-visuelle Synästhesie ("Klänge sehen").

Die Teilnahme als Proband an einer Studie zu diesem Thema (im Rahmen der Doktorarbeit von Janina Neufeld an der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychaitrie und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover) hat mich motiviert, gerade letzteres Phänomen detaillierter zu beobachten.

 

Allgemeine Beschreibung

  • Klänge aller Art lösen bei mir visuelle Eindrücke aus -- auch Geräusche und Stimmen, also nicht nur (wie bei manchen anderen Synästhetikern) musikalische Töne, Tonarten oder Akkorde. Es handelt sich also um eine Art "rein physikalisch auditiv-visuelle Synästhesie", die keine höheren kognitiven Funktionen (wie das Verständnis für musiktheoretische Zusammenhänge) berührt.
  • Die Farb- und Formwahrnehmung überlagert sich nicht mit meinem Gesichtsfeld, sondern speilt sich eher "vor dem inneren Auge" ab -- dort, wo ich mir auch Dinge bildlich vorstelle. Der Hintergrund, vor dem das Schauspiel abläuft, hat keine bestimmte Farbe -- oder zumindest kann ich sie nicht angeben. Nur wenn ich die Augen schließe und mich ganz auf die Synästhesie konzentriere, wirkt der Hintergrund schwarz. Vom Raumgefühl her ist diese innere Leinwand bei mir (wie bei den meisten Menschen) etwas oberhalb der Augen und ein Stück außerhalb des Kopfes (also vor der Stirn) angesiedelt.
  • Die evozierten Formen haben kaum Tiefe (sind also flach oder zweidimensional) und ähneln grob der Hüllkurve des jeweiligen Klanges. So ergeben Instrumente mit hartem Anschlag (etwa Zupf- oder Schlaginstrumente) dreieckige Formen mit einer senkrechten Kante, während sich Instrumente mit sanft an- und abschwellenden Tönen (z. B. entsprechend angespielte Blas- oder Streichinsinstrumente) eher nach und nach vertikal ausbreiten. Die Hüllkürve ist meist auch nach unten gespiegelt, wenn auch vertikal etwas gestaucht und nicht so deutlich (als ob die Figuren nach unten hin ein wenig transparent würden).
  • Tiefe Töne sind gelblich, während hohe Töne eher rot gefärbt sind (bis hin zu Purpur); dazwischen liegt das gesammte Orange-Spektrum. Je "rauschiger" (obertonreicher) ein Klang ist (bei entsprechender Klangfarbe, aber auch bei Akkorden und Klangteppichen), desto mehr verschiebt sich die Farbe in Richtung Braun (tiefe Töne) bis Violett/Blau (hohe Töne); ein extrem hoher Rauschanteil (Wind, Wasser, Schalgzeug) führt zu einem grauen Gesamteindruck. Richtig schön grüne Töne habe ich leider noch nicht erfahren.
  • Gerade die zu Geräuschen gehörenden Formen sind nicht einheitlich grau, sondern eher mit schwarz-weißem "Schnee" (wie bei schlechtem Empfang beim guten, alten Analog-Fernsehen) gefüllt. Niedrige Frequenzanteilen (tiefe Töne, aber auch die Schwebungen von Akkorden) führen zu einem vertikalen Streifenmuster. Ansonsten sind die Klang-Figuren eher einheitlich oder mit sanften Verläufen gefärbt.
  • Tiefe Töne erscheinen unten im "inneren Gesichtsfeld", während hohe Töne oben auftauchen; die horizontale Position korrespondiert in etwa mit dem Stereo-Eindruck. Interessanterweise bauen sich die einzelnen Formen wärend des Klangverlaufs in Leserichtung -- d. h. von links nach rechts -- auf; lediglich Klänge, die von sehr weit rechts kommen, scheinen gelegentlich gespiegelte Formen hervorzurufen.
  • Laute Töne mögen etwas dicker und leuchtender erscheinen als leise, aber dieser Effekt fällt nicht besonders stark aus.

Beispiel-Zeichnungen

Auf Janinas Anregung hin habe ich versucht, ein paar Beispiel-Klänge mit Ölkreide zu zeichnen. Hier das Ergebnis:

Zeilenweise jeweils von links nach rechts zu sehen sind:

  • Gitarre, A'; Marimba, A'; Klavier, A'
  • Fagott A'; Violine A'; Klavier C-Dur
  • Klavier A-Dur; Klavier A-Moll; Klavier A-übermäßig
  • Sinuston A'; Bass-Synthesizer G; Synthesizer-Klangteppich E-Moll
  • Schlagzeug: Base, Hi-Hat, Snare, Becken

Noch ein paar Bemerkungen zu den Zeichnungen:

  • Ich hatte nur 12 verschiedenfarbige Stücke Ölkreide zur Verfügung, so dass ich die wahrgenommenen "Klang-Farben" nur annähern konnte. Aber auch mit Hunderten von Kreide-Farbtönen wäre es schwierig gewesen die richtige(n) Farbe(n) auszuwählen, da es sich bei den durch die Klänge hervorgerufenen visuellen Eindrücke doch um recht flüchtige Erscheinungen handelt.
  • Ebenfalls der Kurzlebigkeit der Klang-Figuren geschuldet ist eine gewisse Ungenauigkeit bei den Details der "harten" Klängen von Gitarre, Marimba, Klaviers und Synthesizer-Bass; deren Anfänge sind -- wohl aufgrund des reichen Obertonspektrums -- irgendwie schwärzlich-grau, aber die genaue räumliche Verteilung und das exakte Füllmuster sind ob der kurzen Dauer des Anschlag-Geräuschs kaum zu fassen.
  • Die Skalierung in X- und Y-Richtung ist nicht unbedingt "maßstabsgetreu". Die "Dicke" eines Klangs hängt -- wie oben erwähnt -- in gewissem Maße von der Lautstärke ab, und die horizontale Ausdehnung der Erscheinung wächst mit der Klangdauer.
  • Auch die bei manchen (tiefen oder schwebungsreichen) Tönen auftretende vertikale Streifung ist in der Regel feiner als in den Zeichnungen angedeutet; zur Vereinfachung des Zeichenvorgangs habe ich einfach die sich durch das Papier hindurch abzeichnende Holzmaserung des Schreibtisches verwendet, wenn ich ein solches Muster erzeugen wollte.

Film ab!

Ein Film sagt mehr als tausend Worte -- hier also das Ergebnis langer Abende mit GIMP, ImageMagick und Kdenlive:

 

Noch ein paar Bemerkungen zum Video:

  • Tatsächlich umfasst das aktuell von mir wahrgenommene Klang-Bild nur ein kurzes Zeitfenster (gefühlt: einige hunder Milisekunden); weiter in der Vergangenheit liegende Anteile einer Klang-Form verblassen danach schon wieder in der Erinnerung. Dies habe ich dadurch darzustellen versuch, dass immer nur ein kleiner Teil der ursprünglichen Zeichnung scharf zu sehen ist, während ältere (= weiter links liegende) Bereiche immer verschwommener dargestellt werden.
  • Andererseits komme ich nicht umhin, bei bekannten Klangquellen eine Vorstellung zu enwickeln, wie der Klangverlauf höchstwahrscheinlich weitergehen wird; daher sehe ich auch in der synästhetischen Wahrnehmung für einen kurzen Moment in die Zukunft. Dies wird im Video durch eine verschwommene rechte Kante des aktuell sichtbaren Ausschnitts dargestellt.
  • Schließlich ist zu erwähnen, dass die Farben im Video aufgrund der vielfachen Überlagerung zahlreicher (weichgezeichneter) Versionen der Zeichnungen deutlich kräftiger zu Tage treten als es meiner Wahrnehmung entspricht. Sieht aber total cool aus, oder?